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aus dem Heimatjahrbuch 2013, Seite 134 bis 136, 48. Jahrgang, Herausgeber: Landkreis Alzey-Worms

Lebensraum für Pflanzen der Region

Pflanzenlehrpfad "Natur & Kultur" am Eichenhof Wörrstadt-Rommersheim

von Norbert Kussel

Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts fand man auf den Äckern noch eine Vielfalt angebauter Kulturpflanzen. Heute dagegen sind sie an den Fingern einer Hand abzuzählen. Luzerne (bekannt als Königin der Futterpflanzen), Futterrüben, Hafer, um nur einige zu nennen, sind praktisch verschwunden.

Mit dieser Reduzierung der Kulturpflanzenarten ist aber auch die Zahl der Begleitpflanzenarten drastisch gesunken. Diese Acker-Wildkräuter, landläufig "Unkräuter" genannt, waren und sind ja bei weitem nicht alle ertragsmindernd. Nicht jede Art belastet zwangsläufig den Ackerbau. Im Gegenteil, besonders die reichlich und lang blühenden Beikräuter wären gerade heute so wichtig wie nie zuvor.

In einer Zeit, in der viele Imker im Sommer, der Hauptvegetationszeit, ihre Bienen durch Zufüttern (Fingerzeig für eine ökologische Katastrophe!) mit Zuckersirup am Leben erhalten müssen, ist jede einzelne Blüte wertvoll. Fünf Millionen Blüten sind notwendig für ein Kilo Honig zu erzeugen (Petra van Sloun). Allein 85 Prozent aller landwirtschaftlichen Erträge hängen von der Bestäubung durch Honigbienen ab. Das ist ein Teil der materiellen Seite, der immaterielle Verlust von unwiederbringlichen Schönheiten der Natur vor unserer Haustür, wird mit den abgebildeten Blumen andeutungsweise dargestellt.


Gesamtansicht des Pflanzenlehrpfades


Verschiedene Gründe führten im Jahr 2001 zu der Anlage des Pflanzenlehrpfades. Bald nach der Pflanzung besuchte eine Studentengruppe aus Russland den Lehrpfad. Diese jungen Leute bekamen innerhalb einer Stunde einen Überblick über die wesentlichsten Pflanzenarten in unserer Region. Mit Begeisterung diskutierten sie die abweichenden Wuchsformen (Habitus) der ihnen aus der Heimat bekannten Arten. Auch einheimische Schulklassen können sehr anschaulich die wichtigsten Pflanzen kennenlernen. Durch einfache "Eselsbrücken", bei vielen Pflanzen zu ihrer Bestimmung sehr hilfreich, ist der Lerneffekt ungleich größer als im Klassenraum.

Damit sind aber nur einige der Gründe genannt, solch eine Pflanzensammlung in der Natur zu präsentieren. Weitere treten nachfolgend bei der Beschreibung der Lehrpfadanlage zutage.

Pflanzenlehrpfad "Natur & Kultur"

Der Pflanzenlehrpfad "Natur & Kultur" ist in mehrere Bereiche unterteilt. Angelegt wurden Beete von 120 m Länge und je nach Nutzung 2 m - 5 m Breite.

Acker-Wildkräuter und Wegrandpflanzen sind im ersten Beet zu sehen.

Es besteht ein fließender Übergang von Acker-Wildkräutern zu den Wegrandpflanzen, so wie sich diese Arten ja auch - je nach Standortangebot - in der Natur ansiedeln. Aus praktischen Gründen sind die Arten nicht streng nach Verwandtschaft (Familien) aufgereiht. Daraus würden sich u. U. "Nachbarschaftsverhältnisse" ergeben, die bei vegetativer Vermehrung (über die Wurzel) nicht mehr zu beherrschen wären, da die Standorte jeder Pflanzenart artenrein gehalten werden müssen.

Die Kultur-Pflanzen sind ebenfalls in diesem Langbeet angepflanzt.

Der Kulturpflanzenteil wurde durch alte, ursprüngliche Sorten zu einem sehr interessanten Pflanzensortiment aufgewertet. Diese Urformen von unserem heutigen Getreide wurden z. T. von Karl-Wilhelm Krähling zur Verfügung gestellt. Mithin ist es hier möglich, nebeneinander an einem Standort die Entwicklung unseres Weizens vom Einkorn über Schwarzen Emmer usw. kennen zu lernen. Später hat Albert Oesau diese Aufgabe weitergeführt. In einem zweiten Langbeet wurde die Erhaltungskultur "Arche Noah" angelegt.





links: Sommer-Adonisröschen (Adonis aestivalis) Mitte: Kornrade (Agrostemma githago) rechts: honigsammelnde, blütenbestäubende Biene

Eine Erhaltungskultur von einer Anzahl Ackerwildkräutern, die auf der Roten Liste stehen, wurde hier unter großem Zeitaufwand und viel Sorgfalt ins Leben gerufen. Diese Formulierung "ins Leben gerufen" könnte man wörtlich nehmen, denn sie trifft für viele Arten zu. Etliche Arten sind in der freien Natur fast ausgestorben. Mit über 40 Arten ist diese Pflanzung auf dem Eichenhof in Rheinhessen eine der größten Einrichtungen dieser Art in Deutschland.

Wie wichtig diese Pflanzen für die ganzheitliche Beurteilung unserer Natur oder Schöpfung sind, sei hier an einigen Eigenschaften dieser Wildformen dargestellt. Zum einen ist es die Widerstandskraft, die sie jahrtausendelang schädliche Einflüsse überstehen ließen. Diese Resistenzen sind von überragender Bedeutung für die Erhaltung unserer Kulturpflanzen. Nur aus den alten, von hoher Widerstandskraft geprägten Arten, lassen sich - ohne das unwägbare Risiko der Gentechnik in Kauf zu nehmen - widerstandsfähige Kulturpflanzen erhalten oder neu züchten.

Ein weiterer materieller Grund zu ihrer Erhaltung sind die vielfältigen Wirkstoffe in diesen Pflanzen. Sie sind in der Pharmaindustrie oft Grundlage für Medikamente verschiedenster Art. Dass gerade in dieser Pflanzengruppe Blumen von seltener Schönheit zu finden sind, macht das Rote Liste Beet "Arche Noah" auch für Laien so sehenswert. Das Beet sollte aber auch nachdenklich werden lassen, ob der Mensch auch nur im Entferntesten das Recht hat, diese wunderbaren Geschöpfe zu vernichten.




links: Wildtulpenbeet am Pflanzenlehrpfad rechts: Flammen-Adonisröschen (Adonis flammea)

Zwischen den genannten Langbeeten befindet sich eine Gras-/Rasenfläche. Sie ist besonders im Hinblick auf Kindergruppen großräumig angelegt. Für Erwachsene wurde hier eine Auswahl von Aphorismen und Zitate aufgestellt, die dem Besucher die enge Verbindung zwischen Mensch und Natur nahe bringen. Es sind Gedanken aus über 2000 Jahren Menschheitsgeschichte, die noch heute durchwegs aktuell sind. Sie zeigen Wege zum achtsamen, respektvollen Umgang mit der Natur und dem eigenen Ich auf. Besucher können sich davon inspirieren lassen, sich naturnahen Lebensformen zuzuwenden.

Das Kartoffelbeet sei als letztes vorgestellt. Hier werden in Handarbeit und ohne chemische Spritz- und Düngemittel Kartoffeln angebaut. Sie dienen zur Durchführung von Kartoffelernten mit Kinderklassen und Behindertengruppen. Nach vielen Jahren praktischer Erfahrung wird der Ablauf mit Kartoffelfeuer, Information zum Anbau, Kartoffelernte und anschließendem Kartoffelessen so spannend gestaltet, dass auch die Lehrer, Betreuer - und auch oft noch anwesende Großeltern - einen eindrucksvollen Tag erleben.

Der Pflanzenlehrpfad ist jederzeit und kostenlos für jedermann offen, auch Führungen sind auf Anfrage möglich. Allerdings ist die Kapazität der Kartoffelernte mit 200 Kindern erschöpft. Mehrere Schulen kommen schon seit 10 Jahren. Bei Interesse sollte man sich rechtzeitig mit dem Verfasser in Verbindung setzen.

Hier im Kartoffelbeet lassen sich die Werte alter Sorten bis hin zur peruanischen Urkartoffel besonders gut "erleben". Für Erwachsene ist dieser Teil informativ. Für Kinder genauso wie auch für Erwachsene sind die Farbenvielfalt und der ausgeprägte, köstliche Geschmack der exotischen Sorten beeindruckend und motivierend - Neugierde wird geweckt.

Abschließend noch eine persönliche Erinnerung des Verfassers.

In den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts setzte ein Wandel in der Landwirtschaft ein, dessen Folgen nicht absehbar waren. Einige naturverbundene -  vielleicht auch schöpfungsbewusste - Bauern hatten die heute bekannten Auswirkungen erahnt. Sie wurden aber als "Öko-Spinner" nicht ernst genommen. Die Weiterbildung der Bauern in Fachvorträgen und Lehrgängen hatte ihren Schwerpunkt in der Betriebswirtschaft. Das Wort Ökologie kam in all diesen Veranstaltungen nicht vor.

Zu dieser Zeit besuchte ich die landwirtschaftliche Fachschule (Winterschule). Eines Morgens kam der Lehrer in die Klasse und stellte ein Flasche "U46" auf sein Pult. Seine Bemerkung dazu klingt mir heute noch in den Ohren: "Mit diesem Mittel ist in Zukunft das Unkrautproblem gelöst!"

Dieses Spritzmittel hinterließ bei der Anwendung in Getreide einen weitgehend artenreinen Kulturpflanzenbestand. Dass mit dieser Maßnahme auch unzählige, z. T. sehr seltene Pflanzenarten vernichtet wurden, wurde billigend in Kauf genommen. Die Landwirte erkannten (bis auf wenige s.o.) die Folgen nicht. Ob die Wissenschaft auch so nichtsahnend war? Darüber kann im Nachhinein trefflich gestritten werden.

Kontaktadresse: Norbert Kussel, Eichenhof 2, 55286 Wörrstadt-Rommersheim, Tel. 06732/9 621 621; E-Mail: nobert.kussel@web.de

Fotos: Nobert Kussel




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